2001. Ritual




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- 1991 -

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Ritual (2001)

Albumvorstellung

Das Ritual der Rückbesinnung auf die Wurzeln schrieb letztlich sein eigenes Gesetz. Es blieb das Wesentliche: der traditionelle musikalische Rahmen und die Rückkehr zu den Dichtern. Zugleich entstand jedoch die essentielle Brücke zwischen einem in sich stimmigen Projekt und seiner Verbindung mit dem gesamten vorangegangenen Schaffen. Bei allen kreativen Brüchen bestand der Wunsch fort, das reiche traditionelle Erbe mit neuen und modernen Sinngebungen zu füllen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: die Rückkehr zu einem Gesang nach den überlieferten Regeln der Kunst - mit Gitarre, Viola und Bass - kommt keinem Verzicht auf die Suche nach neuen klanglichen Möglichkeiten gleich. Sie steht vielmehr für die Notwendigkeit, den Gesang in einem imaginären Neubeginn zu ritualisieren: ein Zyklus kommt zum Abschluss, ein neuer Kreis öffnet sich. Eine Reise zu den Ursprüngen, zum Fado vor der Zeit Amalias, wäre jedoch ohne die Auseinandersetzung mit dieser großen Fadointerpretin schlichtweg unmöglich. Deshalb betrachtet Mísia - wenngleich stets mit der nötigen Distanz, da kein Modell imitiert werden soll - die Gestalt der Amalia unter vier unterschiedlichen und einander ergänzenden Blickwinkeln.

Zunächst realisiert sie eine weitere Aufnahme von "Lágrima" mit neuer Intensität und Sinngebung. Es folgt ihre persönliche Klage über den Verlust der Amália Rodrigues in einem der stärksten Themen dieser Schallplatte. Hierzu bat sie Carlos Gonçalves, den großen Komponisten der letzten Schaffensphase Amalias, der u.a. die Musik zu "Lágrima" schrieb, das wunderbare Gedicht Mário Cláudios "Xaile de Silêncio" in Musik zu setzen, das dieser, just am Todestag Amálias, an Mísia nach London geschickt hatte. Die Elegie (sinngemäß: "Wie ein Umhang fiel die Stille, die du ließest / Und sonderbar fremd war unser Leben") nahm im Crescendo der Stimme und in der perfekten Modulation des Verses Gestalt an ("der Flug der Seeschwalbe, makellos..."). In einem dritten Ansatz verkörpert Mísia die Künstlerin selbst. In "Mistério Lunar" singt Mísia den Fado Mayer von Armandinho, den Amália zu einem Text von Linhares Barbosa interpretierte. Hier kommt ein weiterer Künstler des Worts zum Zug, João Monge, der dieser Musik einen sonderbar zeitgenössischen Beiklang verleiht: "Sie sagen, / dass in unserer Einsamkeit / Hoffnung liegt: / Mondbeschienenes Geheimnis". Schließlich , im letzten der 13 (oder 12 + 1 ?) Themen der Schallplatte, singt Mísia einen Text Amálias, "Vivendo sem Mim" zu einer Melodie Mário Pachecos und mit Klavierbegleitung. In der außergewöhnlichen musikalischen Bearbeitung wird Amálias Gesangstil mit Klavierbegleitung, insbesondere in der Phase Alain Oulman, vor uns lebendig.

Wenn "Lágrima" für Mísia eine Art "Fetisch" ist (die Sängerin machte nie einen Hehl daraus, dass dieses Stück ihre Entscheidung bestimmte, selbst den Weg der Fadosängerin einzuschlagen, und erhielt nun die kostbare Gelegenheit, ihn in Begleitung des Komponisten neu zu interpretieren), handelt es sich bei "Vivendo sem Mim" um den Fado Amálias, der nie existiert und sie in einer anderen Stimme überlebt hat. "Mistério Lunar" lässt das klassische Repertoire aufleben und "Xaile de Silêncio" ist eine Hommage, in der die Sängerin weniger betrauert als vielmehr zelebriert wird.

Das Ritual erschöpft sich jedoch nicht in der facettenreichen Feststellung, dass die Moderne des Fado zwangsläufig mit Amália beginnt. In "Desespero" nimmt ein Gedicht Ary des Santos Gestalt an. Die Musik erinnert an den Fado Zeca (den Fado José Afonsos), wobei Mísia die Leidenschaft des Textes durch die Färbung der Stimme unterstreicht. Der Vers "Possesso desta raiva que te dou" (Besessen von der Lust, die ich in dir entfache) wird so zum Schlüssel für den emotionalen Ausbruch am Schluss: "Im Schatten des Hasses will ich dich / Die Stimme, mit der ich dich rufe, ist Entzauberung / Der Samen, den ich dir spende ist Verzweiflung".

Die Stimme ist rau und granulös und verleibt sich den Text mit einer Leidenschaft ein, die ans Wesentliche rührt: hier gibt es weder Kunstgriffe noch Zugeständnisse. Die Aufnahmearbeiten für die ganze Schallplatte kamen einer solchen "Wahrhaftigkeit" im übrigen zugute, wurde die Aufnahme doch in allen Stadien gemeinsam mit den Instrumentalisten realisiert - mit den traditionellen Begleitern Amalias: Carlos Gonçalves und Joel Pina (Gitarre bzw. Viola) und dem Begleiter Mísias: Carlos Manuel Proença (Bassviola) - ohne manipulative Tonwiederherstellung, in ganzen "Takes", und mittels eines alten Mikrofons mit Röhren, live im Studio aufgenommen.

Dieselbe Dramatik weist "O Verso em que Peco" auf. Der Text der volkstümlichen Dichterin Maria João Dâmaso ist die Verkörperung des Typus, den die Sängerin einmal wenig orthodox, dafür aber treffend, "Fados fürs Blut" nannte. Das Stück kommt der überlieferten melodramatischen Ader, die dem Fado auch eigen ist, denkbar nahe ("Amor - begrabe mich nicht, befreie mich! / Trage mir den Vers zu, in dem ich sündige / Mit deiner sanften Stimme / Die meine Sünde preist"). Ähnlich verhält es sich mit "Não Guardo Saudade à Vida", einem Fado, der das initiatorische Ritual einer Rückkehr zu den Wurzeln und der Öffnung für Neues als Grundlage für den Entstehungsprozess dieser Schallplatte beispielhaft belegt. Im Konzert bereits mit der Musik des Fado Carriche getestet, wurde der Text zum Zeitpunkt der Arbeiten im Studio auf den fast hundertjährigen Fado Saudade übertragen. Der Intensität der so dargelegten Gefühle entgeht nicht einmal die sorgfältige sprachliche Inszenierung in "Mãos que se Desatam" von Manuela de Freitas.

Als Mittelpunkt der Schallplatte, und in gewisser Weise als Beleg für die Dringlichkeit dieser Arbeit, erscheint der erste Fado mit Text der Fadosängerin, "Cor de Lua", der ebenfalls die Vergänglichkeit des gesungenen Gedichts zum Thema macht. Zugleich verweist er auf autobiografische Aspekte, die den Gesang in Gang setzen und eine Stimme entzünden, in welcher Abwesenheit und Verlust Symptom und fixe Idee werden: acht der zwölf Verse in den drei Vierzeilern beginnen mit demselben Wort: "ohne" (portugiesisch: sem; "ohne Fados, die mich leben lehrten (...) // ohne Kreuze, die vom Erdenleben mich erlösen"). Unter den verschiedenen Bildern verweist eines unmittelbar auf den Titel: "Ich bin ein dunkles Tuch, in der Farbe des Mondes".

Und langsam erkennen wir die Folgerichtigkeit der Binnenreime, wenn wir an "Mistério Lunar" denken, oder an die ersten Verse eines anderen Textes von João Monge, "À Beira da Minha Rua", schauderhaft-eindringlich "a cappella" gesungen: "Es war der Schoß des Mondes / Am Rande meines Schicksals". Selbst in den drei Fados, die innerhalb der vorherrschenden tragischen Konzentration für eine gewisse entspannende Komik sorgen, ist der Mond Thema: wenn die Selbstironie von "Formiga" (Ameise) meisterhaft in dem leicht eingeschnappten "picadinho" zum Ausdruck kommt, wenn "Ainda Assim" sich in der anaphorischen Wiederholung von "ainda" zu Beginn eines jeden der zwölf Verse vollzieht, so beschreitet das ebenfalls von João Monge stammende "Duas Luas" andere Wege. Die Leichtigkeit des Fado Magala bildet den Hintergrund für die Dualität, die sich hier aus den Zwischenfällen menschlichen Daseins entspinnt und die sich in der Metapher des Mondes verbirgt: "Ich lebe mit zwei Monden / die zu Gefährten wurden / Ihre Wege kreuzen sich / Und keiner erleuchtet mich".

Dieses imaginäre Universum, das ganz in das kalte Licht der Mondstrahlen getaucht ist, muss verwundern, handelt es sich doch um die bisher "glühendste" und inbrünstigste Aufnahme Mísias, in der die Sängerin der tragischen und fatalistischen Dimension des Fados denkbar nahe kommt. Eine mögliche Antwort ist in dem Gedicht zu finden, das Agustina Bessa-Luís für Mísia schrieb: "Garras dos Sentidos". Ganz aus Antithesen bestehend, lebt dieser Text von heftigen Kontrasten: "Widriges Glück / Liebe sind verlorene Schritte // (...) sind gefügige Rage, / Sind kalte Sonnenstrahlen".

Von der "Sonnenkälte" zum Mondglühen war es nur ein Schritt, der in diesem "Ritual" nachträglich vollzogen wird. Die nächtliche Dimension dieses leidenschaftlichen Gesangs mit seinem Mondstrahlenfeuer, und das ernüchterte Wissen um den Verlust der Liebe schmerzen wie eine Wunde - leise spürbar auch in unserem "heiter-unbewussten" Lebensvollzug (in Anlehnung an Fernando Pessoa, den großen und distanzierten Dichter unserer atavistischen Größen und Miseren), und eindringlich-qualvoll bei geschärftem Bewusstsein.

Mário Jorge Torres / Übersetzung: Almut Lenz-Konrad

Außerdem

Télérama FFFF, Frankreich.

Tracklisting

Dauer: 46'06

01. Não Guardo Saudade A Vida (3'52)
02. Xaile De Silêncio (3'17)
03. Duas Luas (2'50)
04. Desespero (3'45)
05. Decisão (3'49)
06. Cor De Lua (3'32)
07. Formiga (3'02)
08. O Verso Em Que Peco (3'58)
09. Lágrima (5'06)
10. Mistério Lunar (3'54)
11. Ainda Assim (3'03)
12. A Beira Da Minha Rua (2'20)
13. Vivendo Sem Mim (3'42)

Hörbeispiele

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Fotos

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© Augusto Brázio



Videos

Clip "Duas Luas" von Regisseur Patrice Leconte